»Lehrer erkennen Antisemitismus oft nicht«

»Lehrer erkennen Antisemitismus oft nicht«
Prof. Dr. Julia Bernstein

ZEITPUNKT-MAGAZIN - Immer wieder kommt es an Schulen zu antisemitischen Übergriffen. Die Soziologin Julia Bernstein hat in einer unveröffentlichten Studie jüdische Schüler, Eltern und Lehrer befragt. Im Interview mit dem »Mediendienst« erklärt sie, warum Lehrer bei antisemitischen Vorfällen so selten einschreiten.

Mediendienst: Wie äußert sich Antisemitismus in der Schule?
Julia Bernstein: "Du Jude" als Schimpfwort ist in allen Schulformen sehr verbreitet. Davon haben die meisten der rund 220 Befragten in unserer Studie berichtet. Das zeigt sich an Sätzen wie "Mach doch keine Judenaktion!" oder "Sei doch nicht so jüdisch!". Es gibt eine ganze Reihe solcher Schimpfwörter, die das Judentum als Stigma benutzen. Lehrkräfte halten das hingegen oft für kindlichen Unfug. Sie bagatellisieren solche Äußerungen und unterbinden sie deshalb häufig nicht. Grundsätzlich zeigt sich: Lehrer erkennen Antisemitismus oft nicht.

Haben Sie weitere Formen des Antisemitismus in der Schule beobachtet?
Die Betroffenen haben sehr oft von Hakenkreuzen und Hitlergrüßen berichtet. Es gibt viele solcher Beispiele, die wir als Echo aus der Nazi-Zeit bezeichnen. So haben Befragte uns davon erzählt, dass Schüler aus Büroklammern Hakenkreuze zusammensetzen. Ein Interviewpartner hat ein sogenanntes Ausschwitz-Spiel geschildert. Da zeigt sich eine Enthemmung. Das Ausmaß hat mich überrascht. Für Juden ist das sehr verletzend. Wenn sie sich beschweren beziehungsweise fordern, dass Vorfälle klar als Antisemitismus benannt werden, hören sie aber oft, sie sollen nicht übertreiben, das sei nicht antisemitisch oder nazistisch gemeint.

Welche Rolle spielt israelbezogener Antisemitismus?
Er kommt sehr oft vor. Besonders stark äußert er sich, wenn Konflikte in Israel eskalieren. Jüdische Schüler werden zu Vertretern des Staates Israel gemacht, beschimpft oder ausgeschlossen. Diese Form ist bei allen gesellschaftlichen Gruppen verbreitet und sagt viel über die eigene kollektive Identität der Sprecher aus. Bei deutschen Menschen ohne Migrationshintergrund handelt es sich oft um den sogenannten sekundären Antisemitismus. Er zeigt sich etwa an einer Täter-Opfer-Umkehr. Damit wird die deutsche Identität geschichtlich entlastet. Antisemitisch eingestellte muslimische Jugendliche projizieren wiederum ihre eigenen Rassismuserfahrungen und ihre Identität als Minderheit in Deutschland auf diesen Konflikt. Und das, obwohl viele von ihnen nicht aus Israel oder Palästina kommen, sondern zum Beispiel aus Syrien oder dem Irak.

Wie gehen Lehrer damit um?
Lehrkräfte sind häufig überfordert und sind von diesen Stereotypen selbst nicht immer frei. Manche versuchen mit Filmen den Nahost-Konflikt zu thematisieren. Häufig entsteht im Anschluss eine heftige Diskussion, der sie professionell nicht gewachsen sind, da sie keine Nahostexperten sind. Manchmal kommt auch dann erst heraus, dass es jüdische Schüler in der Klasse gibt. Denn viele Schüler verheimlichen wegen der Gefahr des Antisemitismus, dass sie jüdisch sind.

Lehrkräfte können oft auch nicht zwischen legitimer Kritik an bestimmten Akteuren in Israel und antisemitisch motivierter Kritik am Staat Israel insgesamt unterscheiden. Deshalb erkennen sie antisemitisch kodierte Aussagen oft nicht und lassen aggressive und pauschale Äußerungen gegen Israel als legitime Meinung zu. Diese Aggressivität kann sich dann aber konkret gegen jüdische Kinder in der Klasse richten, als verbale und manchmal auch als physische Gewalt. Sie werden als Vertreter des Staates Israel pauschal angegriffen.

PROF. DR. JULIA BERNSTEIN
ist Professorin für Diskriminierung und Inklusion in der Einwanderungsgesellschaft an der Frankfurt University of Applied Sciences. In einer neuen Studie hat sie Antisemitismus in Schulen aus Sicht der Betroffenen untersucht. Ihre Studie ist die erste dieser Art in Deutschland. Sie erscheint Anfang Dezember.

Das vollständige Interview finden Sie hier:
https://mediendienst-integration.de/artikel/lehrer-erkennen-antisemitismus-oft-nicht.html

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