J├╝rgen Trittin nimmt Anlauf
Geschrieben von Zeitpunkt am 09. Dezember 2012 um 10:55:09

ZEITPUNKT Störrisch, provokant, fleißig und machtbewusst. Das sind nur einige der Attribute, die Jürgen Trittin anhängen. Arrogant und verbohrt sei er, heißt es da, und Joschka Fischer sagte einmal über ihn, er könne „gut wegstecken“. Nun scheint er sich für ein Regierungsamt zu konditionieren.


Erweiterte News

ZEITPUNKT - Störrisch, provokant, fleissig und machtbewusst. Das sind nur einige der Attribute, die Jürgen Trittin anhängen. Arrogant und verbohrt sei er, heißt es da, und Joschka Fischer sagte einmal über ihn, er könne „gut wegstecken“. Nun scheint er sich für ein Regierungsamt zu konditionieren.

Wer ist Jürgen Trittin?
Eigentlich der klassische Grüne. Aufgewachsen in einer gut bürgerlichen Familie in Bremen, Abitur, einer der ersten, die den Kriegsdienst verweigerten, Studium der Sozialwisssenschaften, Mitglied des Kommunisten Bundes (KB) und des Asta, zeitweilig Präsident des Studentenparlaments, wissenschaftlicher Mitarbeiter und freier Journalist. Mitglied der Grünen seit 1980. In der rot-grünen Bundesregierung war er Minister für
Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit und hatte oft keinen leichten Stand. Zeitweise galt er als der meistgehasste Minister dieser Regierung. Seit Oktober 2012 ist er neben Katrin Göring-Eckardt Spitzenkandidat der Grünen/Bündnis 90.

Ein störrischer Linker
Lange stand er für die Verkörperung des linken Flügels in seiner Partei gegenüber einem „Realo“ wie Joschka Fischer. Nachgesagt wird ihm allerdings auch, er sei ein nüchterner und pragmatischer Taktierer. Dass Spitzenkandidaten meist durch nüchternes und pragmatisches Taktieren Spitzenkandidaten werden, ist bekannt. Nun gibt es noch etwas, dass Jürgen Trittin in die Riege der „Politiker“ einreiht, er nahm am diesjährigen sogenannten „Bilderberg-Treffen“ teil. Verschwörungstheoretiker schreiben dem Kern der „Bilderberger“ das Streben der Weltherrschaft zu und glauben, dass bei den jährlichen Treffen, die an abgelegenen Orten stattfinden, die nächsten Schritte der großen Verschwörung über die Aufteilung der Welt besprochen werden.

Jürgen Trittin, ein „Bilderberger“?
Nach seiner Teilnahme fühlte er sich in Erklärungsnot und glaubte, sich dafür rechtfertigen zu müssen. Dabei gelingt es deutschen Oppositionspolitikern selten, zu solchen Konferenzen überhaupt eingeladen zu werden. Auch wenn über die Bilderberg-Konferenzen eine Art „Schweigeverbot“ herrscht, erzählte er trotzdem auf seiner Internetseite, worum es bei der Konferenz 2012 ging. „Transatlantische Beziehungen, internationale Energiepolitik, EU-Schuldenkrise und Sicherheit im Netz“. Er habe dort nichts anderes gesagt, als er überall sage: nämlich Abkehr vom einseitigen Sparkurs in Europa, nachhaltige Investition in Bildung. Die grüne Forderung nach einer Steuer auf Finanzgeschäfte habe er ebenso vertreten wie eine Vermögenssteuer und ebenso die Meinung, dass Krisenverursacher und Vermögende an den Kosten der Krise zu beteiligen seien. Er sei keineswegs auf Ablehnung seiner Vorschläge gestoßen und man sei sich bewusst, dass die Krise lange unterschätzt wurde. So weit so gut! Jetzt wollen wir mal sehen, wie weit es so ein Alt-Linker in der Welt der internationalen Politik bringen kann, sofern seine Genossen ihn auch lassen.

Ist der "Öko-Diktator" und linke "Kader-Politiker" bürgerlich geworden?
In einem Interview mit dem „Tagesspiegel“ sagte Jürgen Trittin, der Begriff „Bürgerlichkeit“ zeige in der heutigen Zeit keine politische Richtung mehr an, da die Gesellschaft offener und toleranter, gar „grüner“ geworden sei. Da mag er Recht haben. Er selbst distanziert sich von dem Begriff „Ideologie“ als falsches Bewusstsein und spricht sich dafür aus, dass sich Politik über Inhalte definieren müsse. Wie die Mehrheit der Wähler Rot-Grün gegen Schwarz-Gelb einschätzt, bleibt abzuwarten.
Christine Keiner