Geschlechtergerechte Sprache
hat eine neue Dimension

 Geschlechtergerechte Sprachehat eine neue Dimension

Die aktuelle Sprache in Wort und Schrift so gestalten, dass sich darin auch diejenigen wiederfinden, die sich weder als Frau noch als Mann fühlen.

ZEITPUNKT-MAGAZIN - Bereits im November 2017 hat der Erste Senat des Bundesverfassungsgerichts entschieden, dass es mit Blick auf das Personenstandsrecht die Möglichkeit der Eintragung eines dritten Geschlechts zu geben hat. Die gesetzgebende Instanz hat entschieden, dafür den Begriff "Divers" zu verwenden. Aber wie praktikabel ist das im "ganz normalen Alltag"? Oder betrifft das diesen überhaupt nicht? Aktuelle Empfehlung des Arbeitskreises Umgangsformen International (AUI)

Auf die letzte Frage ist die Antwort ein klares "Doch, sehr wohl!" Das beweist bereits die inzwischen praktizierte Gepflogenheit, bei Stellenausschreibungen durch ein "m/w/d" darauf hinzuweisen, dass kein Geschlecht ausgeschlossen wird. Momentan kommt es dabei allerdings zu "Stilblüten" wie "Wir suchen: Fachverkäufer/in (m/w/d)", Kaufmann/Kauffrau (m/w/d) für Versicherungen und Finanzen in Voll- und Teilzeit gesucht" oder "Technischer Leiter (m/w/d) gesucht."

Sinnvoller werden diese Texte so: "Wir suchen Fachkraft für den Verkauf (m/w/d)", "Kaufleute für Versicherungen und Finanzen (m/w/d) in Voll- und Teilzeit gesucht" oder "Technische Leitung (m/w/d) gesucht". Vermutlich fehlt es zurzeit einfach noch an Formulierungs-Übung. Doch sich solche anzueignen, lohnt, denn: Wer jedem Menschen die ihm zustehende Wertschätzung entgegenbringen und zeigen will, wird nicht nur in Stellenanzeigen, sondern ganz allgemein die aktuelle Sprache in Wort und Schrift so gestalten, dass sich darin auch diejenigen wiederfinden, die sich weder als Frau noch als Mann fühlen.

Wie das zu erreichen ist, ohne dass sich die Zahl derer erhöht, die per se alles zu geschlechtergerechter Sprache ablehnen, ist eine andere Frage. Amtliche Empfehlungen, wie etwa die Städte Hannover und Augsburg sie für ihren gesamten offiziellen Schriftverkehr herausgaben, scheinen Aversionen eher zu fördern statt zu mindern. Schon als sich das Thema lediglich auf die Nennung und Sichtbarmachung von Frauen wie Männern bezog, fanden und finden viele das "total übertrieben", "völlig überflüssig" oder "schlecht lesbar".

Letzteres ist zweifelsfrei schon dann richtig, wenn Schrägstrich- oder Klammerversionen wie "(innen)", "/-innen" einen Text beherrschen. Wird zur Verdeutlichung eines so genannten dritten Geschlechts mit Unterstrich wie "Kolleg_innen", "Ein_e Student_in" oder Sternchen: "Kolleg*innen", "Ein*e Student*in", gearbeitet, erhöht sich der Negativ-Effekt. Zudem sind solche Zeichen nicht hörbar zu machen, zumindest nicht ohne entweder "sprachliche Verrenkungen" wie: "Ein-sternchen-e Student-sternchen-in". Oder durch jeweils eingelegte Pausen: "Ein (Pause) e Student (Pause) in". Dass solche Empfehlungen bei den meisten wenig Begeisterung auslösen, scheint nachvollziehbar.

Die deutsche Sprache bietet vielfältige Möglichkeiten, einen Text ohne (innen), /-innen, Unterstriche oder Sternchen so zu gestalten, dass er gut lesbar sowie problemlos sprechbar ist und dennoch allen Menschen die notwendige Wertschätzung zuerkennt. Für diejenigen, die sich damit beschäftigen wollen, hier einige Vorschläge dazu.

1. Sie beweisen allen Geschlechtern Ihre Wertschätzung, wenn Sie sie in die Sprache einbeziehen. Nur im vertrauten Umfeld, in dem Sie von allen Anwesenden oder Angeschriebenen wissen, dass diese sich eindeutig dem weiblichen oder männlichen Geschlecht zuordnen, reicht es unter Höflichkeits-Aspekten, sich auf eine zweigeschlechtliche Rede- beziehungsweise Schreibform zu beschränken.

2. Sie verzichten in allen anderen Fällen auf weibliche wie männliche Formen, zum Beispiel auch als Doppelnennung wie "Zuhörerinnen und Zuhörer". Entweder "Publikum", "Auditorium" oder "Anwesende" und "Zuhörende" sind, wie im nächsten Abschnitt weiterführend beschrieben, gute Alternativen.

3. Sie setzen, wo es passt und grammatikalisch korrekt ist, substantivierte Partizip-Formen ein. Beispiele: statt Studentinnen und Studenten, Gastgeberinnen und Gastgeber, Interessentinnen und Interessenten, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter also Studierende, Gastgebende, Interessierte, Mitarbeitende. Hilfreich sind solche Formen allerdings nur im Plural. Singular-Verwendung wie "die Gastgebende" oder "der Studierende" bezeichnen zum einen wieder das weibliche und männliche Geschlecht. Zum anderen sind sie dort, wo konkret über eine einzelne Frau oder einen einzelnen Mann berichtet wird, völlig sinnlos und überflüssig. Der Grund: Dann ist die Ausdrucksform "die Gastgeberin" oder "der Student" weiterhin angebracht sowie korrekt.

4. Sie verwenden außerdem so viele geschlechtsübergreifende Begriffe wie möglich. Beispiele: Angestellte, Team, Teammitglied, Belegschaft, Belegschaftsmitglied, Beschäftigte, Betriebsangehörige, Fachkraft statt "die Mitarbeiterinnen oder der Mitarbeiter". Vorgesetzte, Führungskraft, Führungspersonen statt "die Chefin oder der Chef", "die Managerin beziehungsweise der Manager".

5. Sie weichen auf Wörter wie Mensch, Person, Individuum, Gegenüber, Kind, Eltern, Gruppe, Bekannte, Verwandte, (Familien-) Mitglied aus, um geschlechtergerecht zu formulieren.

6. Sie nutzen Relativsätze. Beispiele: "Alle, die an dem Seminar teilnehmen, bekommen ein Zertifikat" statt "Die Teilnehmer/-innen an diesem Seminar bekommen ..." Auch das Wort "diejenigen" eignet sich dafür hervorragend: "Wir bitten diejenigen, die im Unternehmen für die Weihnachtsfeier zuständig sind ..." statt "Wir bitten die Kolleginnen und Kollegen, die ...". Aus "Die oder der Zuständige soll sich ..." kann problemlos "Die Person, die zuständig ist, soll sich ..." werden. Auch möglich: "Wer zuständig ist, soll sich ..." Wichtig dabei: Lassen Sie in solchen "Wer-Konstruktionen" nach dem Komma das Wort "der" heraus. Wer es ernst meint mit der geschlechtergerechten Sprache, DER hätte nämlich mit dem "der" das Rad wieder auf "rein männlich" zurückgedreht!

7. Sie greifen dort, wo es ohne Sinnentstellung möglich ist, auf Plural anstelle von Singular zurück. Beispiele: "Erwachsene sollten wissen ..." statt "Der Erwachsene sollte ..." "Reisende sind gut beraten, wenn ..." statt "Der Reisende ist gut ..." "Geschädigte wenden sich, bitte, an ihre Versicherung mit ..." statt: "Der Geschädigte (oder: ein Geschädigter) wende sich ..."

8. Sie wählen in den Fällen, in denen es unschädlich ist, wenn keine Person explizit benannt wird, Passiv statt Aktiv. Beispiele: "Hier darf nicht geraucht werden" statt "Die Mitarbeiter dürfen hier nicht rauchen." "Ab dem ... ist unser Markt von 7:00 bis 22:00 Uhr geöffnet" statt "Die Kunden können ab dem ... von 7:00 bis 22:00 Uhr in unserem Markt einkaufen." Zu viele Passiv-Formulierungen sind allerdings keinesfalls empfehlenswert! Meist ist eine Sie-Ansprache die bessere Wahl. Deshalb:

9. Sie entschließen sich so oft es geht zu einer direkten Sie-Ansprache. Beispiel zu Punkt 8: "Sie können ab dem ... von 7:00 bis 22:00 Uhr in unserem Markt einkaufen." Statt: "Neukunden können einen Neukunden-Rabatt von 10 Euro von der ersten Bestellung abziehen" besser: "Wenn Sie das erste Mal bei uns einkaufen, können Sie einen Willkommens-Rabatt von 10 Euro von Ihrer Rechnung abziehen."

10. Sie beziehen sich auf konkrete Beispiele, indem Sie eine bestimmte Situation beschreiben und vorher klarstellen: Es handelt sich in diesem geschilderten Fall um etwa eine Chefin und ihren Mitarbeiter, um einen Verkäufer und eine Kundin, um eine intersexuelle Person und deren Bruder oder um zwei Freundinnen. Dann sind geschlechtsübergreifende Wörter nicht notwendig. Verdeutlichen Sie in solchen Fällen die Beispielhaftigkeit, indem Sie darauf hinweisende Wörter wie "etwa", "wie", "zum Beispiel" oder "beispielsweise" verwenden.

Fortsetzung folgt

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